Metamorphus

Das Dorf

Routiniert doch ohne jede Hast trat Mariola vor die Türe und ließ sich im Schatten eines Feigenbaums auf einem Plastikstuhl nieder. Ihr Blick fiel kurz auf das Lebensmittelgeschäft schräg gegenüber, wo Petru eine Kiste Nektarinen in die Morgensonne stellte, richtete sich dann jedoch geradeaus, ein Stück weiter in die Ferne auf das glitzernde Meer. Es wirkte heute fast so gemächlich wie die Bewohner des alten Dorfes, das sich an den Rand der Bucht schmiegte. Sanft schwappten die Wellen gegen die Promenade, als wollten sie höflich grüßen. Am Kai vertäut hielt sich ein angerostetes Boot wacker über Wasser, vergeblich auf einen neuen Anstrich wartend. Über den ungetrübten Himmel glitt eine Möwe.

Mariola nahm einen Schluck Kaffee und sah Petru zu, wie er die Nektarinen sorgfältig prüfte und schlechte aussortierte. Er wirkte zufrieden dabei, auch wenn vielmehr Automatismus als Hingabe am Werk war. Schließlich kehrte er hinter den Tresen zurück, schaltete ein Radio an und hielt über die sortierte Auslage hinweg Ausschau nach Kundschaft. Wie ein Vogelbeobachter, der hofft, ein seltenes Exemplar zu erspähen und sich auch nach Stunden nicht entmutigen lässt.

Drei Einwohner waren im Dorf übrig geblieben. Sie, der Gemüsehändler, und Filippu der Wirt. Ausgerechnet diese beiden. Petru langweilte sie mit Geschichten über seine Nichten und Neffen, die in der Stadt lebten und sich noch nie hierher verirrt hatten. Und Filippu gab sich zwar freundlich, wenn auch zurückhaltend, doch man konnte ihm nicht trauen. Schon sein Vater war ein Schlitzohr gewesen. Ach was, dachte sie, eine mürrische alte Frau war auch keine bessere Gesellschaft. Sie sollte froh sein, dass noch jemand hier lebte. Sie fragte sich oft, wie dieses Dorf hatte entstehen können. Was hatte ihre Vorfahren dazu bewegt, ausgerechnet diesen Ort als den ihren auszuwählen, weit weg vom Rest der Welt? Ihre alte Heimat zu verlassen um auf einem schmalen Streifen Land zwischen Meer und zerklüftetem Gebirge eine neu zu erschaffen? Was für ein Gefühl es wohl gewesen war, all das hier aufzubauen, Stein für Stein, Haus für Haus? Mariola kannte nur den Zerfall. Die Gründerväter hatten ihr Werk vor Generationen getan. Nun waren die Sterbebegleiter dran, dachte sie grimmig.

Francescus Hütte oben am Hang war schon vor Jahren zusammengestürzt. Bald ein halbes Jahrhundert war es her, dass der Ziegenhirte gestorben war. Viel zu klein war das Bauwerk gewesen, als dass danach jemand hätte einziehen wollen. Eine Steineiche war durch das eingefallene Holzdach gewachsen und behütete nun an seiner statt die Möbel darunter. Ein paar Bücher und eingerahmte Fotos hatte Francescus Enkel nach seinem Tod mitgenommen, aber alles andere unverändert zurückgelassen. Die Erinnerungen an den alten Mann verblassten bereits, es gab nicht mehr viele, die ihn gekannt hatten. Und war die Hütte einmal gänzlich verschwunden, das morsche Holz verrottet, die Steine unter Dornginster und Zistrosen versteckt, würde auch in der physischen Welt nichts mehr daran erinnern, dass hier einst ein Mensch gelebt hatte.

Das Gebäude links neben Mariola sah nicht viel besser aus. Eine Metzgerei hatte sich dort befunden. Nun waren Eidechsen ihre neuen Nachbarn, die sich auf Mauerresten sonnten. Im Haus zu ihrer Rechten hatte eine junge Familie gewohnt. Sie waren erst vergangenes Jahr ausgezogen – ihre Tochter sollte in die Schule und eine Schule hatte das Dorf selbst zu Glanzzeiten nie bieten können – doch bereits jetzt schien das Gebäude seinen Abgesang angestimmt zu haben. Einige Dachschindeln waren herabgefallen. Im Hof sammelte sich welkes Laub. Der apricotfarbene Putz bröckelte im salzigen Meerwind. Der Bretterverschlag vor den beiden Fenstern erinnerte Mariola an Münzen, die man Toten auf die Augen legt.

Und dennoch gab es keinen Ort, an dem Mariola lieber leben wollte. Wo sonst sollte die Landschaft so gut nach Wildblumen und Kräutern duften wie hier? Sie wünschte sich nur, sie wäre zu einem früheren Kapitel eingestiegen. Sie richtete sich auf, stellte ihre leere Kaffeetasse beiseite und überquerte die Straße. „Na, dann zeigen Sie mal Ihre Nektarinen“, sagte sie, ein Lächeln unterdrückend. „Und Maronen brauche ich auch noch.“

Weitere Geschichten

Das DorfDer BriefDer GartenDer ZwetschgenkuchenDes Guten zu vielEine Tasse TeeFerne WeltenGivernyGrainneHarroldHumbugJanuarNussknackerSarahSchäfchenwolkenSeptemberTomsnippetsteaser